Jörg Löwer Geschrieben am 15 Februar, 2012

Haustarifverträge und (leider) kein Ende

Haustarifverträge am Theater sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sichern sie bei akuter Finanznot der Rechtsträger Arbeitsplätze, andererseits zeigen die vielen Beispiele in den Neuen Bundesländern, dass in der Realität fast nie eine Rückkehr in den Flächentarifvertrag erfolgt und die Verzichtsleistungen der ArbeitnehmerInnen von dauerhafter Natur sind. Über die Zustimmung zu einem Haustarifvertrag entscheiden die GDBA-Mitglieder vor Ort, die sich bisher – bei aller Unzufriedenheit über den Verzicht –  immer für den Erhalt von Arbeitsplätzen durch den Abschluss eines Haustarifvertrages ausgesprochen haben. Man wird also als Theaterschaffender vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt.

In Mecklenburg-Vorpommern (SPD geführt) werden Haustarifverträge quasi fest mit eingeplant und als positive Rettungsmaßnahme verkauft – trotz aller Demonstrationen (mehr hier im Blog) gegen die jahrzehntelange unverantwortliche Kulturpolitik des Landes:

Rostocks Volkstheater ist wegen Baumängeln geschlossen (mehr hier und hier in unserem Blog), ein Neubau wurde im OB-Wahlkampf diskutiert (mehr hier auf nachtkritik.de), die Umwandlung in ein Bespieltheater wegen weiterer Kürzungspläne angedacht (mehr hier und hier auf nnn.de) und ein Haustarifvertrag als unabdingbar angesehen (mehr hier auf ad-hoc-news.de).

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin steht in kurzen Abständen vor der Insolvenz (mehr hier im Blog und hier auf nachtkritik.de), der Haustarifvertrag wird fest eingeplant und trotzdem drohen Massenentlassungen (mehr hier auf nachtkritik.de und hier auf nnn.de).

In Lübeck (SPD geführt) hat Intendant Schwandt zum 1. Januar 2012 die ordentliche Mitgliedschaft im Kommunalen Arbeitgeberverband Schleswig-Holstein gekündigt (mehr hier auf ln-online.de), fordert einen Haustarifvertrag (mehr hier auf ln-online.de) und die Stadtpolitik streitet darüber (mehr hier und hier auf ln-online.de).

Im Gegensatz dazu gibt es zumindest in Thüringen erste Versuche, die andauernde Verzichtsleistung der Theaterschaffenden durch Ketten-Haustarifverträge zu beenden. Kultusminister Christoph Matschie (SPD) will eine schrittweise Rückkehr zum Flächentarifvertrag (mehr hier auf nmz.de) und mit Finanzierungsvereinbarungen den Bühnen Planungssicherheit geben (mehr hier und hier auf dem Landesportal Thüringens). Auch wenn das Beispiel Theater & Philharmonie Thüringen GmbH (TPT) zeigt, dass damit nicht alle Finanzierungsprobleme gelöst sind (mehr hier auf dtoday.de und hier auf wochenspiegel-abg.de), ist der Versuch doch anerkennenswert – ein Versuch, der in Mecklenburg-Vorpommern erst gar nicht unternommen wird. Dort sollte man die Aussagen des Ministers auf otz.de genau lesen:

„Ich war mir von Anfang an sicher, dass die von der alten Landesregierung gestellte Frage, wie viel Kultur sich Thüringen noch leisten kann, der falsche Ansatz ist. Die Frage musste vielmehr lauten: Was kann die Kultur für Thüringen leisten, und was halten im Falle der Theater deren Träger für machbar? So sind wir zu Ergebnissen gekommen, die weder das Land noch die Kommunen allein hätten schultern können. Die historisch gewachsene Dichte an Theatern und Orchestern macht Thüringen einmalig auf der Welt. Die Häuser wissen nun, dass dies in den nächsten Jahren so bleibt.“

Die SPD taucht ansonsten leider sehr häufig mit Negativbeispielen in diesem Blogbeitrag auf. Und das, obwohl sich die Partei auf ihren Internetseiten doch gegen Lohndumping ausspricht:

„Auch die SPD fordert seit langem ein Ende des Verzichts. „2012 muss das Jahr der fairen Löhne werden“, bekräftigte Parteichef Sigmar Gabriel in der Rheinischen Post (Freitag). „Die Arbeitnehmer haben in den letzten Jahren Verzicht geübt. Jetzt müssen sie auch am Aufschwung fair beteiligt werden. Nur die Preissteigerungsraten auszugleichen, reicht nicht“, so Gabriel. (…) Fortschrittlich ist, wenn wir endlich erreichen, dass alle Arbeitnehmer von ihrem Lohn ein gutes und sicheres Leben führen können. Wer gut arbeitet, soll einen guten Lohn erhalten, deshalb Mindestlöhne. Und jeder soll für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten, unabhängig ob Mann oder Frau, Festangestellter oder Leiharbeiter.Diese Forderungen stellen wir gemeinsam mit vielen Menschen in Deutschland. Mit Betriebsräten, Arbeitnehmern, Gewerkschaften und auch einigen Arbeitgebern.“

Halleluja.

Oder orientiert man sich in den Lohndumpingregionen zu sehr an der neuen SOEP-Studie  des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin), die herausgefunden haben will, dass „Künstler glücklicher mit ihrer Arbeit sind als andere Menschen – besonders wenn sie viel arbeiten“?

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