Jörg Löwer Geschrieben am 15 Oktober, 2010

Die Katastrophe namens Hamburger Kulturpolitik

Ludwig BarnayDie Strategie des Hamburger Senats kristallisiert sich so langsam heraus: Die inkompetenten Äußerungen werden einfach so häufig wiederholt, bis irgendjemand oder man selbst diese glaubt.

In jedem Interview und auf jeder Veranstaltung lauten die Mantren von Kultursenator Stuth „es hat mir noch niemand erklären können, warum das Schauspielhaus zwei Millionen Euro mehr Zuschuss im Vergleich zum Thalia bekommt“ oder „ich glaube schlicht nicht, dass 1,2 Millionen Euro die Hälfte des künstlerischen Etats sind“ (so ähnlich lauten auch die von Bürgermeister Ahlhaus –„Das Schauspielhaus muss sich die Frage stellen lassen, wie es mit den ihm anvertrauten Steuermitteln umgeht“ – oder dem grünen Bürgerschaftsabgeordneten Farid Müller„Das Schauspielhaus muss Geld sparen. Das ist ärgerlich – aber gleichzeitig eine Chance„). Absurd wird das Ganze, wenn man Veranstaltungen besucht, in denen dem Kultursenator diese Sachverhalte mehrfach erklärt werden und danach trotzdem Interviews mit den gleichen Aussagen auftauchen, die zeigen, dass er selbst offensichtlich nur physisch zugegen war. Ansonsten hätte er hier im Interview in der WELT mit dem Schauspielhaus-Geschäftsführer Jack Kurfess wieder einmal Gelegenheit zuzuhören.

Und hier die Updates zur Lage in der Hansestadt:

Im Feuilleton der FAZ schreibt Volker Corsten in seinem Artikel Hamburger Kulturkrise:

„Am Beispiel von Hamburg lässt sich exemplarisch sehen, was mit einer Stadt passiert, wenn der Politik die Kultur egal ist. Florian Waldvogel, Chef des Kunstvereins, merkte kürzlich an, was der Stadt fehle, sei nicht das Geld. Es mangele an Visionen. Und, muss man hinzufügen, mittlerweile zum Teil auch an geeignetem Personal. (…) Man mag sich gar nicht daran erinnern, dass die wichtigsten Institutionen der Stadt, vom Schauspielhaus über die Musikhalle bis zur Kunsthalle und dem Museum für Kunst und Gewerbe alle aus bürgerlichem Engagement hervorgegangen sind; (…) Heute lässt die Stadt diese Institutionen am langen Arm verhungern……“

Hierzu gibt es auch ein Feuilletongespräch auf Deutschlandradio Kultur mit Patrick Bahners, dem Leiter des Feuilletons der FAZ.

Im Hamburger Abendblatt schreibt Michael Jürgs in seinem Artikel „Wie Kulturbeutler die Stadt kaputt sparen“:

„Wer an Kultur spart, muss künftig nämlich mit Mindereinnahmen anderer Art rechnen. Weniger Kultur bedeutet weniger Kulturtouristen, bedeutet mehr Arbeitslose im Hotelgewerbe, in Restaurants, in Taxiunternehmen usw. (…) Kultur ist nicht nur besonders wertvoll, sie ist auch mehr wert, denn sie schafft Mehrwert. (…) So hatte sich einst auch die Hamburger Kultur auf ihre gebildeten Bürgermeister Klose, Dohnanyi, Voscherau und Runde verlassen können. Nun sind sie verlassen. (…) Größenwahnsinnige Stadtpolitiker, die vom künftigen kulturellen Leuchtturm schwafeln, haben die bestehenden stadteigenen Einrichtungen der Kultur außer beim Weihnachtsmärchen in ihrer Kindheit nie betreten, halten den „König der Löwen“ deshalb für bärenstarke Hochkultur, en suite auch für die Staatsoper geeignet und wahrscheinlich Veronica Ferres für die schaumgeborene Nachfolgerin von Marlene Dietrich, obwohl sie nicht vom mythischen Zauber einer Diva umgeben ist, sondern nur von Herrn Maschmeyer aus Hannover.“

Auf Kampnagel schließlich fand die Podiumsdiskussion Notstand Kultur statt. Teilnehmer waren Amelie Deuflhard (Intendantin Kampnagel), Jürgen Flimm (Intendant der Berliner Staatsoper und ehemaliger Leiter des Thalia Theaters), Torkild Hinrichsen (Direktor des Altonaer Museums), Florian Vogel (künstlerischer Leiter des Schauspielhauses) und Willfried Maier (GAL, Senator a. D. und ehemaliger kulturpolitischer Sprecher seiner Partei).

Jürgen Flimm: „Als Ex-Apo-Fuzzi sage ich Ihnen, dass man eine Strategie entwickeln muss, wie man vorgeht. Wir wissen doch, wo der Gegner steht.“

Florian Vogel: „Es geht in Hamburg nicht mehr um Sparen, sondern um Zerstörung der Infrastruktur einer kulturellen Landschaft.“

Torkild Hinrichsen: „Wir erleben die totale Vernichtung eines Instituts. Was dort vernichtet wird, ist das Herz von Altona.“

Amelie Deuflhard: „Es ist ein Riesenproblem, dass Hamburg so fahrlässig mit der Kultur umgeht. Da muss die Stadt aufstehen.“

In der anschließenden Fragerunde gab es fassungslose Reaktionen des Publikums auf das Verhalten der Grünen, die in Pfiffen für Willfried Maier mündeten, obwohl dieser ebenfalls die Politik des Senats kritisiert hatte. Nachzulesen hier in der WELT, hier in der MOPO, hier im Hamburger Abendblatt und hier auf nachtkritik.de. Und Amelie Deuflhard hat im Nachklapp ein Interview im Deutschlandradio Kultur gegeben.

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