Jörg Löwer Geschrieben am 24 September, 2010

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg: Flashmob vor der Kulturbehörde + offene Briefe

Ludwig BarnayDer Protest geht weiter: Heute hatte das „Militärorchester Studio Braun (Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger) und diverse Mitkämpfer aus den Niederungen der Hamburger Kunst“ um 11 Uhr zu einem Flashmob vor der Kulturbehörde der Hansestadt aufgerufen. Das Studio Braun war bereits mehrfach erfolgreich am Schauspielhaus engagiert und inszenierte die heutige Protestaktion:

 

Flashmob 1

 

 

Flashmob 2

 

 

 

Hier ein Video auf YouTube:

 

Und das traurige Ergebnis des gleichzeitig stattfindenden Gesprächs erfahren wir aus einer Pressemitteilung des Theaters:

Stellungnahme zum Gespräch vom 24.09.

Florian Vogel, Klaus Schumacher, Michael Propfe, Frank Behnke und ich haben heute dem Kultursenator in einem ausführlichen Gespräch die gesamte Tragweite des Kürzungsbeschlusses von 1,2 Millionen Euro deutlich vor Augen geführt. Wir sind enttäuscht, dass die 1,2 Millionen Kürzung nach wie vor im Raum stehen und nicht zurückgenommen worden sind. Das künstlerische Leitungsteam und ich sind für die laufende Saison und die gesamte Spielzeit 2011/12 mit der Leitung des Deutschen Schauspielhauses beauftragt. Möglicherweise wird unser Auftrag auch noch darüber hinausgehen, da von Seiten der Behörde noch nicht klar ist, bis wann ein neuer Intendant gefunden werden soll.

Wir danken den Hamburger Kulturschaffenden, allen voran den Kolleginnen und Kollegen der anderen Theater, für ihre Solidarität und Unterstützung, die sie heute vor der Kulturbehörde einmal mehr unter Beweis gestellt haben. Sie haben damit gezeigt, dass die Sparbeschlüsse nicht nur als Bedrohung für die Leistungsfähigkeit und Existenz des Deutschen Schauspielhauses zu verstehen sind, sondern die gesamte Hamburger Kultur und damit das Ansehen der Stadt massiv gefährden. Wir alle werden weiter gegen die Kürzungen kämpfen.

Jack Kurfess

Flashmob 3

 

Hier ein offener Brief des Jungen Schauspielhauses:

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt, liebe Eltern, liebe Lehrer, liebes Publikum, liebe Freunde des Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses!

Was passiert da gerade mit unserer Stadt? Wie wird da mit unseren Steuergeldern umgegangen? Welche Entscheidungen werden im Senat gerade getroffen? Eine Stadt, die Kulturhauptstadt sein will, wendet sich ab vom größten deutschen Sprechtheater. Eine Stadt, die kulturelle Leuchttürme setzen will, wendet sich ab vom traditionsreichen Deutschen Schauspielhaus. Lessing, der Verfasser der Hamburgischen Dramaturgie, der Vertreter humanistischer Werte und Bildungsideale, der hier am Deutschen Schauspielhaus gewirkt hat, würde sich im Grab umdrehen. Eine Stadt, die sich als Modellregion für Kinder- und Jugendkultur bezeichnet, wendet sich ab vom Jungen Schauspielhaus, wendet sich ab vom Theater für junges Publikum, wendet sich ab von kultureller Bildung, wendet sich ab von ihrer politischen Aufgabe, die kulturelle Armut von Kindern und Jugendlichen in Hamburg zu bekämpfen.

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt, liebe kritische Journalisten, liebe Kulturschaffende, liebe Lehrer, liebes Publikum, liebe Freunde des Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses!

Solidarisiert Euch mit uns, kämpft für Bildung und Kultur! Unser Hamlet am Jungen Schauspielhaus, unser wunderbarer Boy-Gobert-Preisträger Thorsten Hierse fragt mit Shakespeares Worten: „Ein Mensch sein oder nicht. Das ist die Frage. Zeugt es von größerer Würde auszuhalten, womit das launische Geschick uns foltert oder das Meer der Plagen zu ertragen und streitend zu vergehen.“ Wir werden für die Werte, die das Theater verkörpert und die wir hier mit jeder Vorstellung mit Kindern und Jugendlichen (er)leben, streiten. Kultur und Bildung sind kein Luxus. Sie sind lebensnotwendig. Wir erzählen am Jungen Schauspielhaus unsere und Eure Geschichten. Und unser Publikum ist Generationen und Schichten und Nationen übergreifend. Und Herr Senator Frigge, wir hier am Jungen Schauspielhaus brauchen, anders als „König der Löwen“, Subventionen und private Stifter, um ein Theater von hoher Qualität und Bedeutung zeigen zu können – für viele Kinder sogar immer wieder kostenlos. Für dieses Ziel und dieses Publikum kämpfen wir!

„Lieber streitend vergehen!“
Streiten Sie mit uns in dieser Stadt für Kultur und Bildung!

Klaus Schumacher und die Mitarbeiter des Jungen Schauspielhauses

 

Flashmob 4

 

Hier ein Solidaritätsaufruf des Theaters an alle Hamburger Bürgerinnen und Bürger:

WIR SIND DAS SCHAUSPIELHAUS – SIE AUCH!

Am Mittwoch hat der Hamburger Senat verkündet, den Etat des Schauspielhauses um 1,2 Millionen Euro zu kürzen. Die anderen Staatstheater in Hamburg wurden von Kürzungen verschont. Im Schauspielhaus ist die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. Das ist eine Kampfansage der Hamburger Kulturpolitik an unser Haus.
1,2 Millionen sind mehr als 50% des künstlerischen Etats. Damit sind wir wieder einen Schritt näher an der finsteren Vision von Jürgen Flimm, dass der Vorhang des Hauses hochgeht, die Maschinerie sich bewegt, aber kein Schauspieler mehr auf der Bühne steht.
Der Umfang der Kürzung ist so hoch, dass sie sich nur durch strukturelle Maßnahmen ausgleichen lässt. Das heißt für das Schauspielhaus das Ende aller kleineren Spielstätten und damit in letzter Konsequenz das Ende der Sparte Junges Schauspielhaus.
Alle Mitarbeiter und Kollegen aus anderen Theatern, aus anderen Institutionen, Kulturschaffende und -freunde sind fassungslos, entsetzt und traurig, dass so etwas in Hamburg möglich sein soll. Noch wissen wir nicht, was die Politik in Hamburg mit diesem Haus vorhat. Wir haben heute dem Kultursenator in einem ausführlichen Gespräch die gesamte Tragweite des Kürzungsbeschlusses von 1,2 Millionen Euro deutlich vor Augen geführt. Wir sind enttäuscht, dass diese Kürzung nach wie vor im Raum steht und nicht zurückgenommen worden ist.
Wir sind für die laufende Saison und die gesamte Spielzeit 2011/12 mit der Leitung des Deutschen Schauspielhauses beauftragt. Möglicherweise wird unser Auftrag auch noch darüber hinausgehen, da noch nicht klar ist, bis wann ein neuer Intendant gefunden werden kann.
Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass eines der profiliertesten, traditionsreichsten und größten deutschen Theater so massive Einschnitte durch eine kurzsichtige Sparpolitik erfährt und werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Kulturabbau in Hamburg vorgehen.
Wir danken allen Kulturschaffenden, die so schnell und deutlich ihre Solidarität und Unterstützung demonstriert haben, allen voran den Kolleginnen und Kollegen, die sie heute während unseres Gesprächs vor der Kulturbehörde einmal mehr unter Beweis gestellt haben. Sie haben damit gezeigt, dass die Sparbeschlüsse nicht nur als Bedrohung für die Leistungsfähigkeit und Existenz des Deutschen Schauspielhauses zu verstehen sind, sondern die gesamte Hamburger Kultur und damit das Ansehen der Stadt massiv gefährden. Wir alle werden weiter gegen die Kürzungen kämpfen. Kämpfen Sie mit! Nicht nur wir sind das Schauspielhaus – Sie auch!

WIR SPIELEN FÜR SIE WEITER THEATER MIT UNSERER GANZEN ENERGIE UND SPIELLUST! SEIEN SIE DABEI, IM SCHAUSPIELHAUS!

Flashmob 5

Gestern haben der Präsident der GDBA Hans-Christoph Kliebes und die Landesvorsitzende Sabine Nolde folgende Pressemitteilung abgegeben:

– Hände weg vom Schauspielhaus –

Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) entsetzt über die Sparbeschlüsse in Hamburg

Es ist nicht hinnehmbar, dass der Hamburger Senat die momentan geschwächte Position des traditionsreichen Deutschen Schauspielhauses ausnutzt und das größte deutsche Sprechtheater finanziell ausbluten lässt.

Eine Kürzung des Etats um 1,22 Millionen Euro würde unvermeidlich zu künstlerischem Substanzverlust führen. Aufgrund der strukturellen Gegebenheiten ist allein der künstlerische Etat disponibel. Eine Halbierung dieses Etats hätte Spartenschließungen zur Folge, der Betriebsfrieden wäre gefährdet und die künstlerische Arbeit schwer belastet.

Die GDBA fordert den Senat auf, die skandalösen Sparbeschlüsse zu überdenken. Derart rigorose Sparmaßnahmen treffen das Theater in seinem künstlerischen Lebensnerv und stellen seine Existenzgrundlage in Frage.

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