Leitartikel Dezember 2016

Quo vadis, Hagen?

buehnengenossenschaft_12_16Als das Theater in Hagen vor über hundert Jahren entstand, war das intensivem Bürgerengagement zu verdanken. Seither war das Haus mehrmals von existentiellen Nöten bis hin zur Schließung bedroht. Jetzt könnte es wieder soweit sein.

1911 war es die Initiative von Theaterverein und Konzert­gesellschaft, die sich keinen elitären Kunsttempel, sondern ein Bürgertheater wünschten. Finanziert wurde das Haus nicht von der Stadt, sondern vorwiegend mit Bürgerspenden und Zuwen­dungen lokaler Mäzene. Aber schon Anfang der 1920er-Jahre musste das Theater erstmals geschlossen werden – aufgrund von Finanznöten der Stadt. Bankrott ist die Kommune auch heut­zutage. Die Stadt ist dem Nothaushaltsrecht unterworfen und hat nur begrenzte finanzielle Spielräume. Dass sie diese allerdings im Kulturbereich und beim Theater schon seit Jahren ausschließlich für weitere Sparrunden nutzt, hat vor allem mit falscher Prioritätensetzung zu tun. Im Rathaus gibt es schlicht zu wenig Verständnis für Kultur. Das zeigte sich im letzten Jahr auch am rüden Umgangston: Die Theaterleitung solle kreativer werden und sich „endlich darauf konzentrieren, das Haus mit weniger Geld, aber pfiffigen und kreativen Lösungen“ zu führen statt zu jammern, so Oberbürgermeister Erik O. Schulz.

Zwar hat das Haus seit 2005 schon Einsparungen von mehr als 1,5 Millionen Euro hinnehmen müssen, aber das beeindruckte die Stadtoberen ebenso wenig wie der 20-prozentige Personalabbau in 30 Jahren. Ab 2018, so beschloss es der Stadtrat, muss das Dreisparten-Haus mit Musiktheater, Ballett sowie Kinder- und Jugendtheater mit 1,5 Millionen Euro weniger auskommen – was 10 Prozent des gegenwärtigen Etats ausmacht (Bühnengenossenschaft 10/2015 + 4/2016). Auch ein solidarischer Protestmarsch von Hagener Bürgerinnen und Bürgern, unterstützt von überall her und durch die GDBA, blieb ohne Resonanz im Rathaus.

Die Situation spitzte sich noch zu, weil sich die bisherigen Nachfolgekandidaten für den am Ende dieser Spielzeit aus Altersgründen ausscheidenden Intendanten Norbert Hilchenbach angesichts des Kürzungsbeschlusses zurückzogen. In der Ausschrei­bung hatte wörtlich gestanden: „Die finanziellen Bedingungen werden im Rahmen der Konsolidierung des städtischen Haushalts in den Wirtschaftsplänen festgeschrieben; entsprechende Erfahrungen im Umgang mit Budgetbeschränkungen sind daher erforderlich.“ Nun interessierten sich nur noch zweit- und drittklassige Kandidaten oder dubiose Bewerber für den Job – wie der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph, der als Ressortleiter Kultur bei Putins Haussender RT Deutsch anheuerte.

Und nicht nur der Intendantenposten war vakant: Auch Generalmusikdirektor Florian Ludwig kündigte seinen Abgang für kommenden Sommer an. Die fehlende Unterstützung seitens der Rathausoberen für das Theater hat ihm die Entscheidung erleichtert. Hagens Musiktheater unter Ludwig schildern Kritiker als eine „Blütezeit“. Als „eindrucksvoll und hochkarätig“ wird auch die Ballett-Kompanie mit ihrem vielseitigen, zeitgenössischen Repertoire beschrieben. Allerdings verlässt auch Ballettdirektor Ricardo Fernando nach 13 Jahren das Theater Hagen – angeblich Richtung Augsburg. Gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung begründete er das damit, wie das Theater „in den vergangenen Jahren von der Politik auseinandergenommen wurde“. Das Hagener Ballett habe sich trotz des Spardrucks immer weiter entwickelt: „Wir sind für unsere Choreographien mehrfach ausgezeichnet worden und haben den Deutschen Tanzpreis erhalten. Und trotzdem kriege ich auf wichtige Zukunftsfragen von der Politik einfach keine Antwort.“ Der dritte Verlust personifiziert sich in Werner Hahn, dem Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, der das Theater ebenfalls verlässt. Allerdings habe seine Entscheidung nichts mit der Krise des Hauses zu tun. Tatsächlich gibt es wohl weniger eine Krise des Theaters als eine der Politik.

Die Beschäftigten des Hagener Theaters leiden jedenfalls nicht unter unzumutbaren Verhältnissen an ihrer Bühne: Vielmehr sind es unklare Zukunftsperspektiven und Arbeitsplatzunsicherheit, die den Künstlerinnen und Künstlern zu schaffen machen – ausgelöst durch immer neue Sparauflagen aus dem Rathaus. So soll es nicht bei der ursprünglichen Einsparung von 1,5 Millionen Euro bleiben. Darüber hinaus soll das Theater ein Prozent der jährlichen Tarifsteigerungen selbst aufbringen. Unter diesen Umständen müssten wohl Sparten geschlossen werden, sagt die Theaterleitung. Und selbst der Bühnenverein als Arbeitgeberverband spricht von einer Streichung von bis zu 40 Stellen und einem „Aderlass ohne gleichen“. GDBA-Obmann Rainer Zaun berichtet von einer „angespannten und verunsicherten Stimmung“ unter den Beschäftigten. Weil überhaupt nicht geklärt sei, „wie die beschlossenen Kürzungen umgesetzt werden sollen, machen sich selbstverständlich Zukunftsängste um den Arbeitsplatz und um die Familien breit“.

Die Debatte habe „im nicht theateraffinen Teil der Bevölkerung eher eine gegen das Theater gerichtete Haltung hervorgerufen“.

Unterdessen ist die Intendanten-Frage aber wieder offen. Zwar hatte der Aufsichtsrat Ende Oktober nach einer Hängepartie mit knapper Mehrheit von 8 zu 7 beschlossen, Dominique Caron als neue Intendantin zu berufen. Zweifel, ob sie den großen Herausforderungen gerecht werden könne, gab es allerdings von Anfang an. Caron hat in San Francisco Musik studiert und war als Betriebsdirektorin am Nationaltheater Mannheim tätig. Seit 2011 leitet sie die Eutiner Festspiele. Dort habe sie, sagen Caron-Befürworter, bewiesen, dass sie mit schmalen Budgets hochwertige Produktionen organisieren kann. Zu diesen Befürwortern gehört vor allem der SPD-Ratsherr Sven Söhnchen, der auch dem Aufsichtsrat des Theaters vorsteht. Allerdings erlebten die Festspiele unter Carons Leitung auch vier Geschäftsführer, mit Urs-Michael Theus nahm ein General­musikdirektor seinen Hut.

Die kritischen Stimmen häuften sich, die WAZ nannte das eine Kampagne. So hielt Ex-GMD Theus die Berufung von Dominique Caron an das Theater Hagen für einen „großen Fehler auf fachlich-künstlerischer, organisatorischer und vor allem menschlicher Ebene“. Er und andere ehemalige Mitarbeiter beschreiben den defizitären Umgang in Eutin: „Eine normale, auf Vertrauen und Respekt basierende Zusammenarbeit habe ich eher selten erlebt.“ Eine frühere Sängerin beschreibt das Klima: „…dann schnauzt sie die Leute bei den Proben auf der Bühne an (manchmal schubst sie sogar), dass die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. […] Ich kann einfach nicht glauben, dass ein so kultivierter Mensch nicht in der Lage sein soll, Kritik, wie berechtigt auch immer, in einer Weise zu äußern, die den anderen nicht kränkt und herabsetzt.“ Was Aufsichtsratschef Söhnchen aber nicht von seiner Unterstützung abbrachte.

Auch Peter Schwab, der Stellvertretender Intendant unter Peter Zadek am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg war und fast zehn Jahre lang Generalintendant am Nationaltheater Mannheim (und dort Carons Vorgesetzter), sah ihre Nominierung kritisch: „Statt einen Intendanten zu berufen, der (…) das Theater wieder als städtische Identität stiftenden Faktor begreift und es zum lebendigen Mittel- und Treffpunkt der Stadtgesellschaft machen will, wollen die Stadtverantwortlichen jetzt eine Disponentin zur Intendantin berufen, die nach meiner sehr genauen Kenntnis für die in Hagen zu bewältigende Herausforderungen so gut wie keine der erforderlichen Voraussetzungen mitbringt.“ Auf­sichtsratschef Söhnchen soll darauf, so Schwab, geantwortet haben: „Lieber eine schlechte, als gar keine Intendantin“. Inzwischen hat Dominique Caron Mitte November ihre Bewerbung wieder zurückgezogen. Ihre Entscheidung blieb zwar ohne Begründung, es wäre aber verwunderlich, wenn die öffentliche Kritik dabei keine Rolle gespielt hätte. Am Tag vorher hatte der GDBA-Landesvorsitzender NRW, Adil Laraki, ein intensives Gespräch mit der Hagener Kulturdezernentin geführt.

Nun steht die Stadt ab kommendem Jahr wieder ohne Intendanten oder Intendantin dar. Langsam wird die Zeit knapp. Unabhängig davon lautet die entscheidende Frage eigentlich, wie viel Theater Hagen sich leisten will. Wenn mit einer willfährigen Theaterleitung tatsächlich die vorgegebenen Einsparziele umgesetzt würden, dann bedeutete das eher früher als später den Ruin des Hauses. Nicht nur würden Sparten geschlossen werden müssen – auch das Publikum würde wegbleiben. Wuppertal hat diese Erfahrung schon hinter sich. Im anderen Falle – das Haus macht weiter ambitioniertes Theater – droht eine Insolvenzsituation. Schon wird in der Stadt manchen Politikern unterstellt, sie liebäugelten damit, das Theater abzuwickeln. Für sie wäre Dominique Caron die ideale Besetzung gewesen. Auch GDBA-Obmann Rainer Zaun schwant das Schlimmste: Nun sein zu befürchten, dass „einige zu dem Schluss kommen könnten, man solle doch jetzt endlich den Laden ganz zu machen“.

Und auch der scheidende Ballettdirektor Fernando fragt sich, ob es in der Spardiskussion nicht ehrlicher gewesen wäre zu sagen: „Ein Theater Hagen wie heute gibt es nicht mehr ab 2017“?

Statt solchen Fatalismus zu nähren, sollten sich die politisch Verantwortlichen lieber über die Wirkmächtigkeit des Theaters Gedanken machen – gerade zu Zeiten, in denen es darauf ankommt, Rechtspopulismus zu bändigen. Auch in Hagen sitzt die AfD längst im Stadtrat. Wir brauchen deshalb mehr Bildung und Kultur, nicht weniger.

Leitartikel November 2016

Kunst und Veränderung

buehnengenossenschaft_11_16In den Kultur-Medien wird genauso wie unter Künstlerinnen und Künstlern derzeit wieder darüber diskutiert, diesen mehr künstlerische Mitsprachemöglichkeiten zu geben und Einflussmöglichkeiten auf ihre tägliche Arbeitswelt zu verschaffen.

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Leitartikel Oktober 2016

Schutz und Sicherheit für Künstler – Risiko Bühne

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Leitartikel August/September 2016

Drastische Folgen der Nullzinspolitik

buehnengenossenschaft_08-09_16Seit über einem Vierteljahr ist der Leitzins in der Eurozone unsanft entschlafen. Sparen lohnt nicht mehr für die Kleinanleger. Selbst die großen Lebensversicherer können den in besseren Zeiten vereinbarten Garantiezins an den Kapitalmärkten kaum noch erwirtschaften. Den kleineren Instituten geht es an die Existenz. Die betriebliche Alterssicherung gerät in Bedrängnis durch den Zwang zu immer höherer Rücklagenbildung. Nach jüngsten Pressemeldungen erzielen die staatlichen Pensionsfonds kaum noch Renditen. Wegen der nur noch verbliebenen Minizinsen steht für die Beamtenversorgung bei Bund und Ländern weniger Geld zur Verfügung als geplant. „Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Süddeutschen Zeitung bei den Finanzministerien der 16 Bundesländer. Danach haben sich die Renditen der Fonds im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2014 teilweise auf unter zwei Prozent halbiert. 2016 hat sich der negative Trend fortgesetzt“ (SZ vom 18.08.2016). Beschwichtigend meint dazu das Bundesfinanzministerium: „Es sei aber nicht davon auszugehen, dass diese Phase ‚30 oder 40 Jahre’ andauern wird“. Dagegen, eine Nummer weiter (SZ vom 21./22.08.2016): „Noch nie in der Geschichte waren die Zinsen so niedrig wie heute, Ökonomen glauben, dass sich daran auch in Zukunft wenig ändern wird – denn die Wirtschaft funktioniert heute anders als früher. Der einstige US-Notenbankchef Ben Bernanke spricht von einem ‚langfristigen’ Trend“.

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Leitartikel Juni/Juli 2016

Pflichtlektüre für die Theaterpraxis

buehnengenossenschaft_06-07_16Das Theaterrecht geht auf eine lange Entwicklungslinie zurück.
„Das Theaterrecht ist ein Recht im objektiven Sinn, und zwar bildet es ein Spezialrecht, in dem es, wie die übrigen Spezialrechte, das Handelrecht, das Bergrecht, das Landwirthschaftsrecht u.s.w., die durch Ausübung einer bestimmten wirthschaftlichen Tätigkeit hervorgerufenen, rechtlicher Normierung fähigen Verhältnisse zu einem durch allgemeinrechtliche Gesichtspunkte bestimmten Rechtssystem zusammenfasst“, führt Dr. jur. Otto Opet in seiner „Systematischen Darstellung des Theaterrechts – unter Berücksichtigung der fremden Rechte“ – Anno Domini 1897 aus. Ein Satz in der Einleitung seines Werks, scheint von überzeitlicher Gültigkeit zu sein: „Das moderne Theaterrecht charakterisiert sich durch die ungleichmässige Behandlung, die seitens der Gesetzgebung seinen öffentlich-rechtlichen und seinen privatrechtlichen Bestandtheilen zu Theil geworden ist. (…) Das private Theaterrecht hat dagegen fast gar keine gesetzliche Normierung gefunden, so dass die reiche Ausgestaltung seines Inhalts beinah durchgängig als ein Erzeugnis des den Theaterverkehr beherrschenden Gewohnheitsrechts betrachtet werden muss. Es kann jedoch keinem Zweifel unterliegen, dass die passive Rolle, welche die Gesetzgebung dem privaten Theaterrecht gegenüber bisher eingenommen hat, sich auf Dauer nicht aufrecht erhalten lassen wird“.

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