Leitartikel Mai 2017

GENOSSENSCHAFTSTAG DORTMUND 2017 – Diese Themen brennen unter den Nägeln

buehnengenossenschaft_05_17Der Genossenschaftstag in Hamburg 2013 hatte dem Hauptvorstand eine Reihe von Handlungsaufträgen mit auf den Weg gegeben. Einiges konnte umgesetzt werden – aber längst noch nicht alles.

Die GDBA als starke Gemeinschaft – das war das Leitmotiv, unter dem ich seinerzeit angetreten bin. Was beim Genossenschaftstag 2013 viele Mitglieder in dem Zusammenhang als Aufbruchstimmung empfunden haben, war vor allem das Angehen dringlicher Problemfelder: Zum einen sollten vor allem jüngere Kolleginnen und Kollegen wieder stärker an die GDBA gebun­den und das Nachwuchsproblem gelöst werden. Zum anderen sollte auch auf diese Weise die tendenziell negative Mitgliederbilanz unserer Ge­werkschaft umgekehrt und wieder mehr Mitglieder gewonnen werden. Beides ist gelungen. Seitdem ist die GDBA konstant gewachsen – in den letzten beiden Jahren um 4 bzw. 3,6 Prozent

In den Mittelpunkt als einen der zentralen Mehrwerte einer GDBA-Mitgliedschaft sollte die Rechts­beratung gestellt werden. Entsprechend haben wir unmittelbar nach dem Genossenschaftstag das Amt der Generalsekretärin mit Rechtsanwältin Christine Stein besetzt und die rechtliche Unterstützung unserer Mitglieder und Gremien deutlich voranbringen können – was sich wiederum in steigenden Beitritten niederschlägt.

GRUNDLEGENDE FORDERUNGEN

Der kommende Genossenschaftstag am 22. und 23. Mai in Dortmund wird über eine Vielzahl von Anträgen diskutieren und abstimmen. Ohne den Ergebnissen vorgreifen zu wollen, lassen sich anhand der eingereichten Anträge Themen benennen, die den Mitgliedern unter den Nägeln brennen.

1. Vielfalt als Grundbedingung

Vielfalt ist eine Grundbedingung von Kunst. Chancengleichheit für Künstlerinnen und Künstler muss gefördert werden, unabhängig von Geschlecht, Alter, ethnischer Herkunft, Behinderung, sexueller Orientierung oder Identität. Diversität bedeutet für uns, allen Theaterschaffenden den gleichen Zugang zu Beschäftigung zu ermöglichen.

2. Frauen brauchen echte Lohngerechtigkeit

Eine der Voraussetzungen dafür sind gleiche Löhne für Frauen und Männer. Auch im Kulturbereich gibt es hier noch deutliche Defizite – Frauen verdienen vielfach deutlich weniger. Diese Ungerechtigkeit muss beseitigt werden. Gleichzeitig wird mit steigender Hierarchiestufe die Zahl der Frauen immer geringer. Auch hier braucht es Veränderung.

3. Flexibilität für Familien

Partnerschaft und Familie stellen für die meisten Beschäftigten den wichtigsten Lebensbereich dar. Die Mitglieder der GDBA erwarten deshalb von den Arbeitgebern mehr Flexibilität, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an Theatern zu verbessern.

4. Keine Massenentlassungen bei Intendantenwechsel

Außerdem müssen die Potenziale der bestehenden Ensembles von neu ins Amt gekommenen Intendanzen überprüft werden. Unsere Mitglieder fordern ein Ende der regelmäßigen Massenentlassungen bei Intendantenwechseln.

5. Auskömmliche Theaterfinanzierungen

Ein deutliches Zeichen der Solidarität mit Kultureinrichtungen ist gerade jetzt seitens der Politik gefordert: Der seit Jahrzehnten anhaltende Stellenabbau an Theatern hat in letzter Zeit nicht abgenommen. Dem muss entgegengewirkt werden! Dabei muss klar sein, dass das Theater auch und gerade in schwierigen Zeiten der öffentlichen Finanzierung bedarf, um die Freiheit der Kunst zu garantieren. Im Unterschied zu beispielsweise Energie- und Wasserversorgung oder Kindergärten sind Theaterzuschüsse eine sogenannte „freiwillige Leistung“ – die erbracht, gekürzt oder ganz verweigert werden kann. Künftig muss Theaterfinanzierung zu den Pflichtaufgaben gehören!

6. Gleiches Geld für Solisten und Kollektive

Bei der Entlohnung klafft zwischen solistisch tätigen Künstlerinnen und Künstlern einerseits und den Mitgliedern der Kollektive anderseits eine Lücke. Dieser Zustand ist für die Mitglieder der GDBA nicht akzeptabel. Die Gehaltsschere zwischen den Berufsgruppen darf sich nicht weiter öffnen. Solistinnen und Solisten müssen deshalb mindestens soviel verdienen wie Mitglieder der Kollektive!

7. Klare Arbeitszeitregelungen

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben die öffentlich getragenen Theater mehr als 6.500 Stellen abgebaut. Gleichzeitig ist die Zahl der Produktionen und der Spielstätten laufend angestiegen. Ergebnis ist eine für die künstlerisch Beschäftigten immer weiter steigende Arbeitsverdichtung bis an oder über die Belastungsgrenze hinaus.
Unsere Mitglieder fordern deshalb klare und überprüfbare Arbeitszeitregelungen. Die weitgehend selbst geschaffene Überlastung der Häuser darf nicht länger auf dem Rücken der Künstlerinnen und Künstler ausgetragen werden.

8. Nichtverlängerungsschutz für Schwangere

Die praktizierten Nichtverlängerungen von Schwangeren zeigen, dass viele Theaterverantwortliche auf die besondere Situation von werdenden Müttern keine Rücksicht nehmen. Bisher gelten zwar die Vorschriften des Mutterschutzgesetzes, vor Nichtverlängerungen sind die Kolleginnen aber nach wie vor ungeschützt. Zukunftsängste, Ärger, Enttäuschung sowie großer emotionaler und finanzieller Druck sind für die Betroffenen die unmittelbaren Folgen.
Für die GDBA ist daher ein tarifrechtlich verankerter Nichtverlängerungsschutz für Schwangere weiterhin unabdingbar.

9. Kein Lohndumping bei Gastverträgen

Die in den letzten Jahren eingesparten Festengagements sind in vielen Fällen durch Gastverträge ersetzt worden. Gastkünstler/innen sind grundsätzlich unsichereren Arbeitsbedingungen ausgesetzt und unterliegen nicht der für das Festengagement geltenden Mindestgage. Die GDBA verlangt daher weiterhin die Festschreibung eines Gastvertragsrechts mit der Einführung von Mindestgagen für Vorstellungen wie für Proben.

10. Planbare freie Tage

Angesichts ohnehin unregelmäßiger Arbeitszeiten setzt sich die GDBA für planbare freie Tage ein und verlangt hierzu eine tarifvertragliche Regelung.

11. Ende der Tarifflucht im Tanz

Die GDBA fordert tarifkonforme Verträge für alle Tänzerinnen und Tänzer. Dabei geht es nicht nur um mehrere hundert Euro monatlich, die aufgrund einer Tarifvertragsumgehung den Betroffenen vorenthalten werden, sondern auch um tanzspezifische Arbeitsbedingungen. Seit einiger Zeit wird die tariflich festgeschriebene „Sonderregelung Tanz“ für die Tanzgruppenmitglieder im Normalvertrag Bühne ausgehebelt. Stattdessen werden ganze Tanzensembles als künstlerische Solisten eingestellt, um die Vergütungsregelungen der mit dem Chor gleichgestellten „Sonderregelung Tanz“ unterschreiten zu können – ohne, dass die betroffenen Tänzerinnen und Tänzer jemals solistisch tätig werden.

DAS ZIEL

Wenn ich vor vier Jahren von unserer GDBA als starker Gemeinschaft sprach, dann meinte ich nicht nur einen Tarifvertrag. Jede einzelne Berufsgruppe in unserem Verband für sich allein wäre zu klein, um entscheidendes Gehör zu finden. Der Zusammenschluss in der GDBA macht die einzelnen Gruppen erst stark. Wir sind stark, wenn wir nicht alleine sind. Der kommende Genossenschaftstag soll das erneut deutlich machen und den Weg aufzeigen. Ich bin bereit, mit aller Kraft dazu beizutragen.

Leitartikel April 2017

Hans Herdlein ist tot

buehnengenossenschaft_4_17Die Wochenzeitung Die Zeit nannte ihn 1979 „wortgewaltig, wo es um gewerkschaftliche Interessen der Theaterleute geht“. Allerdings bediene er sich dabei auch eines „Agitationsvokabulars“. Darüber wirklich geärgert haben dürfte sich Hans Herdlein trotzdem nicht. Immerhin 35 Jahre war er wirkmächtiger Präsident der GDBA. Anfang März ist Hans Herdlein gestorben. Ein Nachruf.

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Leitartikel März 2017

Plädoyer für das Ensemble-Theater

buehnengenossenschaft_03_17Seit Jahren wird leidenschaftlich über das Ensemble-Theater gestritten. Die sozialen Interessen von Künstlerinnen und Künstlern geraten dabei leicht in Vergessenheit.

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Leitartikel Februar 2017

Kulturerbe Theater

buehnengenossenschaft_02_17Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wird von der Bundesrepublik für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen. Das ist ein erfreulicher und richtiger Schritt. Aber die materiellen Grundlagen dürfen darüber nicht in Vergessenheit geraten.

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Leitartikel Januar 2017

Banause Bürgermeister?

buehnengenossenschaft_01_17Dass Theater und andere Kultureinrichtungen immer mal wieder Gegenstand von Sparplänen sind, ist seit Jahrzehnten nicht wirklich neu. Wenn es nicht bei bloßen Überlegungen blieb, kostete das immer wieder auch künstlerische Arbeitsplätze. Inzwischen scheint allerdings in manchen Rathäusern demonstrative Kulturferne programmatisch Einzug zu halten.

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