Leitartikel April 2012

Die falschen Propheten

„Weniger ist mehr!“ -  mit dieser Botschaft will das Autoren-Quartett Armin Klein, Professor für Kulturmanagement, Ludwigsburg, Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Stephan Opitz, Leiter Referat für Kulturelle Grundsatzfragen Schleswig-Holstein und Dieter Haselbach, Leiter Zentrum für Kulturforschung, Bonn, den drohenden „Kulturinfarkt“ in der Bundesrepublik Deutschland abwenden. Dazu verfassten sie eine Streitschrift, deren Thesen so umwälzend sind, dass sie dem Spiegel einen Vorabdruck wert waren. Der reißerische Titel: „Die Hälfte? – Warum die Subventionskultur, wie wir sie kennen, ein Ende finden muss“, bot beiden Seiten die Gewähr für eine Steigerung der Auflage. Die Kalkulation ging auf. Noch bevor das Buch mit dem provokanten Titel: „Der Kulturinfarkt – Von allem zu viel und überall das Gleiche“ auf dem Markt war, löste der Vorabdruck die erwarteten Reaktionen aus. Mit Vorbedacht setzten sie ihrem epochemachenden Werk einen weiteren Untertitel hinzu: „Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention“. Für den Fall, dass das revolutionäre Werk in seiner Bedeutung verkannt wird, kann man sich hinter dem polemischen Vorausentwurf schützend bergen; man ist eben seiner Zeit zu weit vorausgeeilt.

Das schöpferische Zerstörungswerk ist dennoch ernst gemeint. Das zeigen die Reaktionen der Autoren auf eine Stellungnahme des Deutschen Kulturrats zu dem Spiegel-Artikel „Die Hälfte?“. In der Stellungnahme des Deutschen Kulturrats wurde behauptet, „die Autoren forderten 50 Prozent weniger für die Kultur“. Darauf reagierte das Autoren-Quartett mit einem Anwaltsschreiben, in dem mit einer strafbewehrten Unterlassungserklärung verlangt wurde, diese Behauptung künftig nicht mehr aufzustellen, „denn in Wahrheit wollen die Autoren nicht den Kulturetat um 50 Prozent kürzen, sondern jede zweite mit öffentlichen Mitteln finanzierte Kultureinrichtung in Deutschland schließen“. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, gab die gewünschte Erklärung ab. Er führte dazu aus: „Die Herren wollen ja nicht 50 Prozent des Kulturetats kürzen, sondern ‚nur‘ die Hälfte aller existierenden öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen streichen. Mit einer nicht zu überbietenden Naivität glauben die Autoren, die durch diese Aktionen frei werdenden Mittel in neue kulturelle Projekte investieren zu können. Die massive Überschuldung der Kommunen, der Länder und des Bundes sowie die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse würden ihnen einen Strich durch die Rechnung machen“. Wir schließen uns seinem frommen Wunsch an: „Der Himmel möge uns davor behüten, dass die Autoren je in die Lage kommen, ihre kruden Ideen in der Praxis zu erproben“.

Mit akademischem Gestus versehen, scheint nichts zu abwegig, um publiziert zu werden; selbst dann, wenn man um die Erkenntnis nicht herum kommt, dass weder die Machart noch der Inhalt eines Buches seinem hohen Anspruch gerecht werden. Wenn ausgewiesene Kulturmanager meinen, sich einen Wutausbruch leisten zu können, „um versteinerte Verhältnisse zum Tanzen zu zwingen“[1] und an die Stelle empirisch erhobener Daten subjektive Meinungsbeiträge setzen, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn ihnen aus den eigenen Reihen Unmut entgegen schallt. Die Buchkritik von Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim, nennt die Streitschrift kurz und bündig: „Quatsch“.[2] Damit setzt er sich in Gegensatz zu den Verteidigern, die trotz gravierender methodischer Mängel im Wortnebel der Studie nach zukunftsträchtigen Spuren suchen. Eine Reform, bei der es darum geht, „einerseits den Kulturbegriff neu zu definieren, andererseits die Strukturen der öffentlichen Kulturbetriebe umzubauen“, erfordert eine andere Herangehensweise. Um einer Mindermeinung zum Durchbruch zu verhelfen, ist es einfach zu plump, der Mehrheit einen genetischen Defekt zu unterstellen (S. 88): „Die ausgeprägte Orientierung des deutschen Kulturbetriebs am Staat ist diese genetische Disposition“, werden wir von den missionarischen Eiferern belehrt. Sie verkehren den Kulturstaat zur Staatskultur. Als sei die staatliche Kulturfinanzierung bis zum Erscheinen der neuen Heilslehrer eine Irrlehre gewesen.

Neu ist in der Tat, dass die falschen Propheten die Grundlagen einer Kulturpolitik elementar in Frage stellen, die sich über Generationen hinweg ständig neu beweisen und bewähren muss. Ausgerechnet eine Gruppe von Autoren einer Wissenschaftsdisziplin, die sich erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Kulturmanagement herausgebildet hat, schwingt sich zu Scharfrichtern über sämtliche Kulturinstitutionen auf. Sie dezimieren mit ihren Thesen gerade das Arbeitsmarktsegment, auf dem ihre Studenten einmal tätig werden können! Nimmt man ihre Diagnosen ernst, dann wäre es höchste Zeit, die Vielzahl der Studiengänge, die sie ins Leben gerufen haben, wieder zurückzufahren. Sie produzieren schon jetzt zu viele, die keine Stelle für ihre betriebswirtschaftlichen Künste finden. Das Magazin der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) „das Orchester“ berichtet: „Manager haben in den vergangenen Jahren entdeckt, was sie möglicherweise alles von Dirigenten und Orchestern lernen können. Daraus hat sich eine blühende Seminarlandschaft entwickelt. (…) Um erfolgreich arbeiten zu können, müssen Dirigenten wie Manager dasselbe Rüstzeug mitbringen: klare Vorgaben von der Vision, die realisiert werden soll, Überzeugungskraft, die Fähigkeit, andere zu motivieren sowie die richtige Mischung aus präzisen Anweisungen und einfühlsamen Umgang mit den Mitarbeitern“.[3]

Bei aller polemischen Wucht haben die Systemveränderer glatt vergessen, die Folgen für ihre Institute und die ihnen anvertrauten Studenten abzuschätzen. Die begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten werden durch die kontraproduktiven Vorschläge ihrer Ausbilder noch weiter eingeengt. Überzogene Kritik? Der streitbare Mitautor, Professor Dr. Armin Klein, Verfasser einer Pilotstudie „Gesucht: Kulturmanager“, führt darin aus: „Sicherlich ein höchst bemerkenswertes Ergebnis der Studie ist zunächst die Tatsache, dass nur rund ein Drittel der Befragten aus der Praxis ohne Einschränkung in Zukunft Kulturmanagerinnen und – manager einstellen würden, ein Drittel dies mehr oder weniger ablehnt und ein Drittel bislang unentschlossen ist. Trotz seiner bald zwanzigjährigen Existenz als Hochschulstudiengang ist das Kulturmanagement ganz offenkundig noch nicht restlos in der Praxis angekommen“.[4] Kein Wunder also, dass die Zukunftsvisionäre die reale Gegenwart aus den Augen verloren haben. Eine Gegenwart, die wie in der Vergangenheit auf einer beruflichen Existenz aufbaut, die in die Zukunft weist. Das war zu Zeiten Adam Smith so, der 1776 mit seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen” den Grundstein für die Nationalökonomie legte. Ein Satz in diesem Werk ist von überzeitlicher Gültigkeit: „Der Mensch ist darauf angewiesen, von seiner Arbeit zu leben und sein Lohn muss mindestens so hoch sein, dass er davon existieren kann“.[5]

Hier fügt sich passend ein Bericht von Prof. Dr. Hermann Voesgen ein.[6] Er lehrt im Studiengang „Kulturarbeit“ Projektmanagement an der Fachhochschule Potsdam. Seine Erfahrungen decken sich mit Absolventenbefragungen im Studiengang ‚Kulturarbeit‘ und Beobachtungen auf dem Berliner Arbeitsmarkt: „Die Arbeitsbedingungen ändern sich grundlegend. Die Arbeitsplätze sind überwiegend befristet, unsicher; Portofoliomanagement, also parallele Mehrfachbeschäftigungen werden immer häufiger, die Zahl der Selbständigen nimmt zu. (…) Die Bezahlung ist zwar im Durchschnitt besser als bei künstlerischen Berufen. Das ist aber eine sehr defensive Vergleichsgrundlage, da bei vielen Künstlern ein angemessenes Einkommen gar nicht erwartbar ist. Massive Ausbeutungsverhältnisse sind in Kulturbetrieben und bei der Vergabe von Aufträgen an Selbständige unübersehbar. (…) Ein wesentlicher Teil der boomenden Kulturindustrie basiert auf Arbeitsbedingungen, die mit dem bisherigen Verständnis von würdevoller Arbeit kollidieren“. Sein Fazit: „Die Gegensätze werden sich verschärfen und die Kulturvermittler sind mittendrin“.

Bei dem Stichwort „Arbeitsverhältnisse“ wird allerdings der Mitautor am Kulturinfarkt, Direktor Pius Knüsel, widersprechen: „Kulturpolitik ist keine Beschäftigungspolitik”.[7] Sein Credo vom „Weniger ist mehr“ verficht er schon seit längerer Zeit – ohne größere Resonanz gefunden zu haben. Beim „Shorcut Europe 2010“ in Dortmund zum Thema „Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung“ war er zugegen. Auf dem 56. Kulturpolitischen Kolloquium in Loccum 2011 wurde die Zukunft der kulturellen Infrastruktur diskutiert. Auch hier bezog er die Position von „Weniger ist mehr Raum für Entwicklung“.[8] Keinen Raum für seine Beteiligung an der Streitschrift „Der Kulturinfarkt“ gewährte ihm der Stiftungsrat von Pro Helvetia: „Er stellt sich indes hinter Knüsel als Direktor und weist ihm eine positive Leistungsbilanz aus“. Aber: „Er distanziert sich von der polemischen Form des Buches und verwahrt sich gegen die teilweise karikierenden Urteile und Pauschalisierungen. Das neunköpfige Gremium unter der Leitung von Mario Annoni bedauert, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen konnte, ‚Der Kulturinfarkt‘ bilde die Haltung der Kulturstiftung ab“.[9]

Bemerkenswert ist das Festhalten der Schöpfer einer neuen Kulturpolitik an alten Phrasen. Wir lesen vom „Bildungsbürger“, von „etablierter Hochkultur“. Professor Dr. Armin Klein ist Verfasser eines Buches: „Der exzellente Kulturbetrieb“. Das hindert ihn nicht daran, das seine exzellenten Betriebe besuchende Publikum mit den abgedroschenen Schlagworten herabzusetzen. Man zitiert zwar Joseph Schumpeter: „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“[10], nach der die Wirtschaft vorangetrieben wird „durch ‚neue Kombinationen‘ in den Produktionsfaktoren; durch ‚schöpferische Zerstörung‘ der alten“. Nur auf die Idee, dass Menschen ein Theater aufsuchen, um ein Schauspiel zu sehen oder ein Musikwerk zu hören, ja – man staune: um sich daran zu erbauen –, darauf verfällt man nicht. Als Ökonomen glauben sie zwar mit Adam Smith an die unsichtbare Hand des Marktes und seine selbst heilenden Kräfte. Sie haben aber keine innere Beziehung zur Kunst und das mit ihr verbundene seelische Erleben, das nicht der Bildung wegen, sondern um seiner selbst willen gesucht wird. Schon gar nicht aber, um sich deswegen in elitärer Arroganz über andere zu erheben. Dieses Motiv dürfen die Verfasser für ihr Gedankenexperiment „Kulturinfarkt“ (Knüsel) für sich in Anspruch nehmen.

Nachdem dieser Vorstoß abgewehrt wurde, darf man sich nicht täuschen lassen, die Auseinandersetzung sei damit erledigt. Der Reformprozess wird nachhaltig unter dem Leitmotiv „Zukunftsfähigkeit“ vorangetrieben. Der Protest der Akademie der Künste richtet sich folgerichtig „gegen diesen mit klarer Absicht inszenierten Tabubruch, die Grundlagen einer öffentlichen Kulturförderung zu zerstören“. Es kommt in diesem Verteilungskampf entscheidend darauf an, ob sich die Kunst gegenüber den marktgläubigen Propheten behaupten kann. Das dazu passende Zitat findet sich bei Prof. Dr. Hermann Voesgen: „Die Idee vom gleichen Kampf von Kultur und Wirtschaft (wogegen auch immer) ist der Frage nach den guten notwendigen Kämpfen gewichen. Sie beginnen in Seminarräumen und Projektsitzungen“.[11] Ex cathedra verkündet er: „Die Annahme weiteren Wachstums ist notwendig, für die Legitimation des hohen Ausstoßes an ausgebildeten Kulturvermittlern und –managern und einer weiteren Zunahme an entsprechenden Studiengängen“.

Daraus folgt: Die Transformation der Theatersysteme steht nach wie vor auf der kulturpolitischen Agenda des Kulturmanagements. Wohin das führen kann, zeigen die gegenwärtigen Beispiele in den Niederlanden, wo die Regierung im September des vergangenen Jahres eine dramatische Kürzung des Kulturetats um 200 Millionen Euro beschlossen hat. Das bedeutet eine Streichung von mehr als 20 Prozent und führt zu Kooperationen und Fusionen. Auch Polen ist im Alarmzustand: „Manager statt Intendanten – Theater ist keine Ware, der Zuschauer ist kein Kunde! Wenn künstlerisches Personal durch Manager aus der Wirtschaft ersetzt werden soll, schaut es für die Kunst wahrscheinlich nicht gut aus. An mehreren Theatern in Polen ist genau dies der Fall. Auch das traditionsreiche Warschauer Teatr Dramatyczny ist bedroht: Extreme Etat-Kürzungen, ungelöste Personalfragen. Die polnische Theaterszene solidarisiert sich wie nie zuvor“.[12] Die deutsche Theaterszene ist vorgewarnt. Die falschen Propheten verheißen, alles könne bleiben, wie es ist, wenn man nur genügend verändert – danach ist nichts mehr wie zuvor.

 

[1] Haselbach, Klein, Knüsel, Opitz: Der Kulturinfarkt – Von Allem zu viel und überall das Gleiche – Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention, München 2012, S. 64.

[2] Hannoversche Allgemeine, Interview Buchkritik: „Kulturinfarkt ist Quatsch“ v. 27. März 2012.

[3] Sandra Sinsch, Vom Versuch dem Ideal zu entsprechen – Dirigierseminare für Manager zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in: das Orchester 2/12, Magazin für Musiker und Management, S. 30 ff.

[4] Armin Klein (Hrsg.), Gesucht: Kulturmanager, Wiesbaden 2009, S. 217.

[5] Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, dtv, 11. Auflage, München 2005, S. 59.

[6] Hermann Voesgen, Wir müssen unsere Praxis ändern, in: kulturpolitische Mitteilungen Nr. 135, IV 2011, S. 41-43.

[7] Pius Knüsel, Kulturpolitik ist keine Beschäftigungspolitik, in: Basler Zeitung, Interview v. 13.03.2012.

[8] Vgl. bühnengenossenschaft 4/11, S. 4-6.

[9] Medienmitteilung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, 29. März 2012.

[10] Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 51952 (1911), S. 88 ff.

[11] Hermann Voesgen a.a.O., S. 43.

[12] www.nachtkritik.de, Theaterbrief aus Polen (7) – Ein Offener Brief polnischer Theaterschaffender.

Leitartikel März 2012

Strukturkampagne

Die Kampagne gegen das Staats- und Stadttheatersystem hält unvermindert an. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied, dass die Attacken nicht mehr unwidersprochen hingenommen werden – gleich, von welcher Seite sie kommen. Man hätte sich gewünscht, dass die in erster Linie betroffene Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins das Ensembletheater an vorderster Stelle verteidigt. Hat doch die Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins 2009 ein einstimmiges Votum für den Fortbestand des Ensemble- und Repertoiretheaters abgegeben. Es wurde auf die Gefahren hingewiesen, die „in dem dauerhaften Abbau von Arbeitsplätzen und der zunehmenden Anzahl von Gastverträgen liegen“. In den letzten 15 Jahren gingen 7.000 Arbeitsplätze bei den Theatern und Orchestern verloren. Gleichzeitig ist die Anzahl der Gastverträge von 8.000 auf 18.000 Verträge gestiegen! Die Leitsätze der Jahreshauptversammlung 2009 lauteten: „Ensemble und Repertoire stehen für eine kontinuierliche künstlerische Arbeit, diese kontinuierliche Arbeit erlaubt die notwendige Reflexion der gesellschaftlichen Realität, diese Reflexion ist gerade in Krisenzeiten unentbehrlich, um der ökonomischen Ideologie des ewigen Wachstums ästhetische Werte entgegenzusetzen“. Sätze, die auch heute gültig sind![1]

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Leitartikel Februar 2012

Belagerungsring um das Stadttheater

Am Anfang steht die Finanznot der Kommunen. Die kommunalen Spitzenverbände haben es, trotz Teilerfolgen nicht vermocht, eine Gemeindefinanzreform hinzubekommen, die diesen Namen verdient. Die drei großen Verbände, Deutscher Städtetag, Deutscher Städte- und Gemeindebund und Deutscher Landkreistag, konnten ihre Länder und den Bund nicht dazu bringen, die kommunalen Haushalte zu konsolidieren. Stattdessen mussten sie ihre Kräfte daran verschleißen, die Gewerbesteuer als ihre Haupteinnahmequelle zu erhalten. Kein Wunder also, dass die Zahl der Kommunen, die sich in der Haushaltssicherung befinden oder mit vergleichbaren Auflagen arbeiten müssen, ständig zunahm. Das war noch in den vergleichsweise besseren Zeiten, bevor die Finanz- und Wirtschaftskrise hereinbrach. Mit der Erfindung der Schuldenbremse für Bund und Länder und deren verfassungsrechtlicher Verankerung ab dem Haushaltsjahr 2011 sollte die Generationengerechtigkeit in der Haushaltspolitik wieder hergestellt werden. Ein Stabilitätsrat wurde installiert, der bei erkennbaren Haushaltsnotlagen eingreift und mit den betroffenen Ländern Sanierungsprogramme vereinbart. Um die Schuldenregelung einzuhalten, ist für den Bund und die Länder der Abbau ihrer strukturellen Defizite vordringlich. Man muss sich diese Entwicklung vergegenwärtigen, um zu verstehen, warum die kommunale Kulturfinanzierung immer mehr in die Schieflage geraten ist und sich keine Entlastung abzeichnet.

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Leitartikel Januar 2012

Offensive gegen das Stadttheatersystem

Der Jahresbeginn 2012 gleicht dem des vergangenen Jahres: Das Staats- und Stadttheatersystem ist Attacken ausgesetzt wie zuvor. Mit dem wesentlichen Unterschied jedoch, dass sich die unterschiedlichen Handlungsebenen und deren Akteure deutlicher abzeichnen. Die Zielvorstellungen nehmen klarere Konturen an. Was zuerst als Ausfall der freien Szene nach vorne anzusehen war, ist taktischer Teil einer übergreifenden Strategie, „die das ganze deutsche Theatersystem in den Blick nimmt“. Während an den Theatern alle Anstrengungen darauf gerichtet sind, den Spielbetrieb trotz anhaltender Einsparungsauflagen qualitätsvoll aufrecht zu erhalten, nimmt die Strukturdebatte einen entgegengesetzten Verlauf. Von der freien Szene und ihrem Bundesverband Freier Theater über das Kultursekretariat-NRW bis hin zur Zunft der Kulturmanager ist man sich darin einig, dass dem Stadttheatersystem die letzte Stunde geschlagen hat. Das Problem dabei ist nur, dass die Ensembles der sterbenden Theater höchst lebendig sind.

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Leitartikel Dezember 2011

Theater – Ort schöpferischen Geistes

Das Staats- und Stadttheatersystem sei erstarrt und bedürfe dringend der Erneuerung. So schallt das Echo aus den verschiedensten Ecken: Kulturmanagement, Freie Szene, NRW-Kultursekretariat, Kulturstiftung des Bundes. Unbeweglich stehen sie vor sich hin, die Gebäude der Staats- und Stadttheater. Selbst das gereicht ihnen noch zum Vorwurf. Dagegen sollen Industriebrachen und Straßentheater die innovativen Orte der Zukunft sein. Die Gegenwart wird in eine nähere Zukunft entrückt, in der eine neue Community das alte bürgerliche Publikum ablösen soll. Vor lauter Suche nach neuen Ästhetiken und Formaten wird man nicht mehr gewahr, dass in dem verlästerten Theatersystem tagtäglich und allabendlich in Proben und Vorstellungen Kunstereignisse stattfinden, die von allen Schichten der Bevölkerung besucht werden. Es wird argumentiert, als seien die Bühnenangehörigen eine Spezies sui generis, die den „Zusammenbruch des Stadttheatersystems“ geradezu selbst heraufbeschworen habe. Diese Umbruch-Diskussion treibt man zu einem Zeitpunkt voran, in dem die öffentlichen Haushalte zur Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise – bis hinein in den europäischen Raum – massive Belastungen zu verkraften haben. Die Theaterfinanzierung findet dennoch statt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Dank des „Alarmismus“ (A. Klein) konnten im vergangenen und auch in diesem Jahr drohender Spartenabbau oder gar Schließungen verhindert werden. Nicht zuletzt trug dazu die Opferbereitschaft der Bühnenangehörigen in den neuen Bundesländern bei, die überwiegend mit Haustarifverträgen auf allgemeine Tariferhöhungen verzichten. Die Politik hält zu ihrem Kulturauftrag – trotz aller Konsolidierungsanstrengungen. Dagegen steht eine „gefühlte“ Abbauhaltung, deren Stichhaltigkeit eine Untersuchung Dr. Bernd Wagners, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. [1], auf den Grund gegangen ist.

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