Jörg Löwer Geschrieben am 1 Dezember, 2015

AfD gegen Theater und Kultur – Wie undeutsch ist Ludwig van?

Barnay, Gründer der GDBAIm Sprachgebrauch der AfD wären es wohl verschiedene „Fronten“, an denen die Parteigenossen derzeit gegen Kultur und Theater kämpfen – selbstverständlich im Interesse des christlichen Abendlandes. Das zu schützen, ist bekanntlich eine ihrer wichtigsten selbst gestellten Aufgaben. Im Ergebnis bedrohen sie allerdings genau dieses Abendland, jedenfalls soweit Kunst und Kultur zwingend dazugehören.

Das ist zunächst die inzwischen ein Jahr zurückliegende Strafanzeige örtlicher AfD-Funktionäre gegen die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel wegen „Beihilfe zu Ausländerstraftaten“. In einem „angeblichen Kunstprojekt“ (AfD-Wortlaut) würden illegale Flüchtlinge beheimatet. Die Intendantin habe sich außerdem der Untreue schuldig gemacht.

In Trier wollte die AfD einen Bürgerentscheid über das Theater durchsetzen. Worauf das zielte, machte ein Plakat „Schluß mit dem Theater!“ ziemlich deutlich. Dort werde ohnehin nur „Geld für eine Minderheit aus dem Fenster geworfen“. Als besonderen Lieblingsfeind entdeckten die Rechtsausleger aber den neuen Intendanten Karl M. Sibelius, der nicht bloß Steuergelder vergeude, sondern dessen Vorstellungen „nur von perfidem und abstoßendem Schauspiel“ strotzten („Zum Kotzen“). Dessen Homosexualität ist für die AfDler erst recht artfremd.

In Berlin inszenierte Falk Richter an der Schaubühne ein Stück namens „Fear“, das die sogenannten besorgten Bürger und ihre prominenten Vertreter aufs Korn nahm und eine direkte Verbindung zu den Gespenstern der Vergangenheit herstellte. Darauf reagierten die AfDler und ihre publizistischen Sturmtruppen, in dem sie sich kamerabewaffnet in Aufführungen setzten und die Absetzung des Stücks verlangten.

Inzwischen regt sich Widerstand gegen das gesunde Volksempfinden: Als die AfD am 21. November direkt vor dem Mainzer Theater eine Kundgebung „Gegen das Asylchaos“ ankündigte, hatte Intendant Markus Müller den hübschen Einfall, die „akustischen Gegebenheiten des Foyers zu erproben“. 120 Theatermitarbeiter folgten seiner Bitte und sangen lauthals und immer wieder Beethovens „Ode an die Freude“ – so mächtig, dass die AfD-Redner unterbrechen mussten. Polizei und AfD zeigten die „grobe Störung“ zwar an. Mit welchem Erfolg muss sich zeigen: Der Mainzer OB stellt sich ausdrücklich hinter das Theater und auch wir sowie viele andere zählen uns zu den Unterstützern der KollegInnen.

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Beethoven empfing die AfD auch bei ihrem Parteitag Ende November in Hannover. Über 40 Mitarbeiter des Staatstheaters stimmten wiederum „Alle Menschen werden Brüder an“ – wie berichtet wird, zur Verwunderung der Parteigenossen. Einige hätten sogar mitgesungen.

In Dinslaken verlangt die AfD „Eigeninitiative“ von der Burghofbühne, die von der Schließung bedroht ist. Der örtliche Sprecher lamentiert darüber, dass mit ihm niemand rede. Die Einladung zu einer Podiumsdiskussion nahm er allerdings auch nicht wahr. Der Vorwurf der Ignoranz – gern auch an die „Lügenpresse“ – ist nicht weit.

Inzwischen gibt es eine Online-Petition zu den Mainzer Vorfällen: Die Ermittlungen gegen das Theater oder einzelne Mitarbeiter sollten umgehend eingestellt werden. Stand 1. Dezember gibt es schon über 20.000 Unterstützer.

Die aufgezählten Beispiele machen eins deutlich: Die AfD steht gegen die Kultur im Allgemeinen und die Kunstfreiheit im Besonderen. Wie auch immer die künstlerische Qualität einzelner Produktionen zu bewerten ist: Die AfD vertritt auch in diesem Bereich dumpfe Vorstellungen eines gesunden Volksempfindens, das mit Theater niemals kompatibel sein kann.

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